Marseille: Lisa Janns

Hallo, mein Name ist Lisa und ich bin 20 Jahre alt.

Schon vor dem Abitur stand für mich fest, dass ich eine Zeit lang im Ausland leben wollte, bevor ich mit dem Studium beginnen würde.

Da mir Französisch in der Schule immer gut gefallen hatte und ich auch bei mehreren Familien aus der Nachbarschaft  regelmäßig zum Babysitten ging, war ein Au-pair-Aufenthalt in Frankreich die ideale Möglichkeit, beides miteinander zu verbinden. Obwohl ich mich nach meinem Abitur erst kurzfristig beworben hatte und mit einigen Lebensmittelallergien auch nicht ganz leicht zu vermitteln war, fand ich schließlich recht schnell eine passende Gastfamilie. Drei Wochen später ging es auch schon los und ich saß im Flieger nach Marseille, von wo aus mich mein Gastvater und die drei Kinder der Familie abholen wollten.

Ich wurde sehr herzlich empfangen und fühlte mich von Anfang an sehr willkommen und wohl in meiner Gastfamilie. Die Kinder, zwei Jungen im Alter von 11 und 5 Jahren und ein Mädchen im Alter von 9 Jahren, waren zunächst noch etwas zurückhaltend. Aber nachdem ich gleich einen Tag nach meiner Ankunft den ganzen Tag auf sie aufpassen musste, legten sie ihre Schüchternheit schnell ab und ich wurde von Anfang an als Au pair akzeptiert und gemocht. So hatte ich auch keinerlei Momente, in denen mich das Heimweh überkam. Zwar fehlen einem gerade am Anfang Familie und Freunde besonders, aber in der heutigen Zeit ist regelmäßiger Kontakt per E-mail, Telefon, Skype etc. ja kein Problem mehr.

Mein Alltag war der eines typischen Au pairs: ich musste morgens das Frühstück der Kinder vorbereiten, die Kinder zur Schule bringen und nachmittags wieder abholen. Jeweils einmal die Woche habe ich die beiden Jungs auch mittags abgeholt und für sie gekocht. An den anderen Tagen haben sie genau wie das Mädchen in der Kantine gegessen. Natürlich gehörten auch einige Aufgaben im Haushalt zu meinen täglichen Pflichten. So musste ich die Kinderzimmer und das Spielzimmer aufräumen, die Betten machen, den Tisch decken und nach dem Essen abwaschen. Außerdem war es für mich selbstverständlich, der Gastfamilie auch von mir aus etwas zur Hand zu gehen, ohne dass ich dazu aufgefordert wurde. So habe ich oft die Wäsche aufgehängt oder im Wohnzimmer und der Küche Staub gesaugt.

Tagsüber habe ich dann viel Freizeit gehabt. So bin ich beispielsweise einmal wöchentlich zu einem Sprachkurs gegangen. Dieser wurde von einer gemeinnützigen Organisation angeboten und war daher recht günstig. Allerdings waren 1 ½  Stunden die Woche für eine intensive Auseinandersetzung mit der Sprache im Vergleich zu Sprachkursen anderer Au pairs sehr wenig.

Außerdem habe ich mich zu Beginn meines Aufenthaltes in einem Fitnesstudio angemeldet und bin zwei- bis dreimal wöchentlich in die dort angebotenen Kurse gegangen.

In den ersten Wochen habe ich besonders an den Wochenenden auch viel mit meiner Gastfamilie unternommen. Doch schon nach kurzer Zeit wurden die gemeinsamen Ausflüge deutlich weniger und ich war froh, dass ich an einem Au-pair-Treffen in Nizza teilnehmen konnte. Dort lernte ich zwar viele weitere Au pairs kennen, die aber alle mehr als eine Stunde von mir entfernt wohnten. Daher blieben auch hier gemeinsame Unternehmungen eher selten, zumal ich kein Auto zur Verfügung hatte und immer auf öffentliche Verkehrsmittel, in meinem Fall Zug und Bus, angewiesen war. 

Im November, rund 2 ½ Monate nach meiner Ankunft, erfuhr ich dann aus heiterem Himmel, dass sich meine Gasteltern trennen wollen. Mich traf diese Mitteilung völlig unvorbereitet und ich wusste tagelang nicht, wie ich mit der neuen Situation umgehen sollte.

Nach langem Überlegen entschloss ich mich dann, zu bleiben und zu versuchen, das Beste aus den Umständen zu machen. Einen Monat später zog meine Gastmutter mit den drei Kindern in ein kleines Appartement, das nicht groß genug für 5 Personen war, sodass ich allein mit dem Gastvater in dem ursprünglichen Haus der Familie blieb. In dieser Zeit brachte ich die Kinder zwar nach wie vor morgens zur Schule und holte sie auch nachmittags wieder ab, aber da die drei nur zweimal die Woche bei uns im Haus schliefen, sah ich sie insgesamt viel seltener als vorher. Besonders während des Abendessens, das ich nun nur noch mit dem Vater aß, war es sehr ruhig und die Abwesenheit der Kinder am deutlichsten zu spüren.

Über Weihnachten und Silvester besuchte ich dann 2 Wochen meine Familie in Deutschland. Nach vielen Gesprächen mit meinen Eltern und meinen Freundinnen entschloss ich mich schweren Herzens dazu, den Au-pair-Aufenthalt abzubrechen.

Nach meinem Heimaturlaub erzählte ich meinen Gasteltern von meiner Entscheidung, die sich relativ verständnisvoll zeigten. Ich hatte im Vorfeld überlegt, die Familie zu wechseln, aber die Wochen der Trennung hatten mich stärker mitgenommen, als ich zunächst gedacht hatte. Deswegen verspürte ich nicht mehr die Kraft, in einer anderen Familie noch einmal von vorne anzufangen. Ich blieb noch einen weiteren Monat bei meiner Gastfamilie, um meinen Gasteltern ausreichend Zeit zu geben, sich neu zu organisieren und eventuell nach einem neuen Au pair suchen zu können. 

Generell kann ich trotz des Abbruchs meiner Au-pair-Zeit einen solchen Aufenthalt nur weiterempfehlen.

Neben einer ausländischen Kultur und Sprache lernt man nämlich vor allem sich selbst kennen. Ich bin an den Erfahrungen der letzten Monate sehr gewachsen und selbstbewusster und reifer geworden. Von den Erlebnissen und Begegnungen dieser spannenden, manchmal schwierigen, aber vor allem ereignisreichen Zeit, profitiert man sein Leben lang.

Im Allgemeinen neigt man aber schnell dazu, die Arbeit eines Au pairs zu unterschätzen.

Daher sollte man sich auf jeden Fall darüber im Klaren sein, dass ein Leben als Au pair kein Urlaub in einem anderen Land ist, sondern dass die Gastfamilie hohe Erwartungen hat und dass man auch von sich aus die Initiative ergreifen muss, um die Region und andere Menschen kennen zu lernen.

Ich wünsche allen zukünftigen Au pairs alles Gute! Profitez bien de votre séjour en France! :-)