Auckland: Sandra Schlegel

Meine Au Pair Zeit in Auckland, Neuseeland

Wenn mich jemand fragt, was soll ich nach dem Abi tun? dann antworte ich: geh für einige Zeit als Au Pair nach Neuseeland! Für mich persönlich waren 10 Monate als Au Pair arbeiten und anschließend ein Monat in Neuseeland reisen perfekt.

Schon zwei Wochen nach dem Abiball, am 14. Juli, ging es für mich als erste der gesamten Stufe los. Sonntagabend haben meine Eltern mich an den Flughafen gefahren und meine Vorfreude wurde für kurze Zeit zu Abschiedsschmerz und "eigentlich will ich nicht weg". Tränen haben natürlich nicht gefehlt, aber bald darauf überwog das Neue, Abenteuerliche und Unbekannte. Und meine Reise ans andere Ende der Welt fing an!

In Auckland, der größten Stadt Neuseelands angekommen habe ich Dienstagmittag dann teilweise verwundert und auch erschöpft vom Flug festgestellt, dass es hier ja auch ganz normales Leben gibt. Ich war ohne konkrete Vorstellungen über Neuseeland losgereist und es überraschte mich im ersten Moment positiv, dass alles so ähnlich war.

Die ersten drei Tage verbrachte ich mit einigen weiteren Au Pairs in einem Hotel, in dem wir von der neuseeländischen Au Pair Agentur in unsere Arbeit und das Leben in NZ eingeführt wurden. Während dieser Orientierungstage konnte ich schon erste Freundinnen finden.

Freitagabend wurden wir von den Gastfamilien abgeholt und mit nach Hause genommen. Die Begrüßung war sehr warmherzig und freundlich und ich habe mich sofort willkommen gefühlt. Alle waren neugierig, wer ich war. Und ich wollte meine Gastfamilie, insbesondere die kleine, einjährige Lily, um die ich mich kümmern sollte, kennenlernen.

Eine typische neuseeländische Familie gibt es nicht. Meine Gastmutter ist halb Maori (=neuseeländische Ureinwohner), halb Britisch und die Familie meines Gastvaters stammt von Samoa, einer pazifischen Insel. Der Unterschied zu meiner deutschen Familie war (sowohl vom Aussehen, als auch charakterlich) oft enorm, doch es hat mir sehr gefallen, einen anderen Lebensstil kennenzulernen.

Von Beginn an wurde ich wie ein Familiemitglied behandelt und eingeladen, auch Unternehmungen mitzumachen, wodurch ich mich schnell wohl fühlte.

Wann immer ich Fragen hatte, konnte ich meine Gasteltern um Rat bitten und sie haben mir sehr gerne geholfen, mich zurecht zu finden. Auch mit Lilys älteren Stiefschwestern, Djulius ("Juls", 15) und Pippa (12) habe ich mich, als wir uns aneinander gewöhnt hatten, super verstanden.

Nachdem ich freitagabends in meinem neuen Zuhause ankam, nahm meine Gastfamilie mich Samstagabend schon mit auf einen 21. Geburtstag. Das war cool und ich habe gleich einen großen Teil der (riesigen) Familie und weitere Leute kennengelernt. Allerdings war es auch sehr anstrengend und ich war nach einer Weile richtig müde. An viele Gesichter und Namen konnte ich mich schon auf dem Heimweg nicht mehr erinnern, aber in dieser Hinsicht war die Familie geduldig und alle wurden mir nächstes Mal erneut vorgestellt. Von Anfang an, bis zum Abflug hatte ich auch Kontakt zu Cousins, Onkeln und Tanten, was mich sehr gefreut hat.

Das Englischsprechen hat mich am Anfang sehr angestrengt, doch jetzt, nach einem Jahr kann ich sagen, dass es flüssig läuft und ich nicht mehr nachdenken muss. Es ist für mich selbstverständlich geworden, Englisch zu reden und in meiner Umgebung zu hören.  Meine Gastfamilie war sehr geduldig mit mir, da meine Wortwahl oder die  Art und Weise, wie ich etwas gesagt habe oft nicht richtig war. Vor allem in der ersten Zeit haben sie auch immer wieder Witze über mich gemacht, die ich erst nach einer Erklärung verstanden habe. Es war jedoch nie böse gemeint und ich konnte immer mit ihnen über meine Sprachprobleme lachen.

Die Arbeit mit Lily und im Haushalt fiel mir leicht und es hat mir großen Spaß gemacht. Anfangs war ich mir oft unsicher, ob ich das richtige tue, das hat sich aber bald gelegt und ich habe in eine Art Routine gefunden. Allerdings war das bei meiner Gastfamilie schwierig, diese aufrecht zu erhalten, da ihr Leben sehr chaotisch verläuft. Meine Gastmutter ist Flugbegleiterin und daher oft und lange unterwegs. Mein Gastvater arbeitet eine Woche Früh- und die andere Spätschicht und oft am Wochenende, freitag- und samstagabends. Deshalb haben auch meine Arbeitszeiten sehr variiert. Erst fiel es mir schwer, mich von meinem geregelten deutschen Schulalltag an das chaotische neuseeländische Au Pair Leben umzugewöhnen. Jetzt kann ich sagen, dass es mir allerdings sehr gut getan hat -  ich bin sehr viel flexibler, spontaner, offener und selbstständiger geworden. Ich habe gelernt, Dinge einfach zu tun, anstatt immer zu warten und zu fragen, ob es okay ist oder wann die beste Zeit dazu wäre.

Die Partneragentur bietet viele Veranstaltungen für uns Au Pairs an, von wöchentlichen Spielgruppen über Workshops bis hin zu Ausflügen für Au Pairs mit und ohne Kinder. Dadurch gab es auch viele Möglichkeiten Leute kennenzulernen und Sachen zu unternehmen.

Je länger ich bei meiner Gastfamilie gewohnt habe, desto schneller schien die Zeit zu vergehen.

Die ersten zwei Monate, Mitte Juli bis Mitte September, vergingen für mich sehr langsam, da ich erst in mein neues Leben finden musste. Der Winter in Auckland ist zwar nicht vergleichbar mit dem Winter in Deutschland, doch hat das Wetter nicht unbedingt zu großen Ausflügen eingeladen. Im Hinterkopf war auch immer der Gedanke "Ich hab ja noch lange Zeit hier in Neuseeland".

Mitte September, nach zwei Monaten in NZ, habe ich dann meinen ersten Wochenend-Trip gemacht.  Das Partnerbüro hat diesen organisiert und so mussten meine neu gewonnenen Freundin Lisa und ich uns erstmal um nichts kümmern.Wir hatten ein fantastisches Wochenende!

Von nun an habe ich mehr Ausflüge in Aucklands Umgebung  und nähere Teile der Nordinsel geplant und da es Frühling wurde, wurden auch die Temperaturen angenehmer und die Reiselust stieg. Das Organisieren von Ausflügen fiel mir immer leichter und meine Freunde und ich wurden immer spontaner. Buchungen sind sehr einfach möglich und manchmal sogar gar nicht nötig (aber immer empfehlenswert). Informationen über Reiseziele bekommt man (wenn man wie ich keinen Reiseführer mitnimmt) übers Internet oder kostenlose Broschüren, die überall ausliegen. Es wird Touristen einfach gemacht, sich ins Abetuer zu stürzen.

September - Oktober - November - Dezember - einige Ausflüge, besseres Wetter, Vorfreude auf den Sommer, neue Freunde. Die Zeit lief normal. Ich habe sehr viel gemacht, noch mehr erlebt und etliche Erfahrungen und Erinnerungen gesammelt. Nicht immer lief alles ganz glatt, aber wenn man alleine in einem fremden Land ist, lernt man schnell, nicht aufzugeben.

Es wurde für mich auch immer einfacher, mich in Auckland zurechtzufinden und das Leben hier war nun normal. Selten bekam ich mal Heimweh. Aber Heimweh gehört dazu. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich manchmal die Zeit nehmen sollte, Heimweh zu haben. Allerdings nicht zu oft, denn sonst verpasst man sein Leben in Neuseeland, das letzendlich zeitlich begrenzt ist. Als Ablenkung bewähren sich Ausflüge und Zeit mit (neugewonnenen) Freunden oder der Gastfamilie zu verbringen.

Auf Weihnachten war ich sehr gespannt, da mir ein "Kiwi Christmas" als großes BBQ am Strand schmackhaft gemacht wurde. Weihnachtsstimmung kam bei mir im Dezember nicht wirklich auf. Wenn man abends um 10 Uhr in Top und kurzer Hose noch schwitzt, nachdem man Weihnachtsplätzchen gebacken hat und den "Polarexpress" im Fernsehen angeschaut hat, dann ist das auch kein Wunder. Auch die "Santa Parade"  (ein Weihnachtsumzug in der Innenstadt bei 30°C in der prallen Sonne) oder "Christmas in the Park" (eine Show in einem Park, bei der sowohl Weihnachtslieder aufgeführt werden, als auch Popmusik. Santa kommt auch die Bühne und am Ende gibt es ein großes Feuerwerk) sorgten bei uns deutschen Mädels nicht für Weihnachtsstimmung.

Die Weihnachtstage selbst fand ich schön. Ich habe mit meiner Gastfamilie gefeiert und alle haben die Zeit genossen. Mit meiner Gastfamilie gab es immer sehr viel zu lachen und die Stimmung war immer gut.

Direkt danach habe ich meine Koffer für zwei Wochen Südinselurlaub gepackt. Mit drei befreundeten Au Pairs bin ich über die Südinsel Neuseelands gereist. Wir haben (trotz durchwachsenem Wetter) mehr erlebt, als sich in Worte fassen lässt und wollten gar nicht aufhören, zu reisen.

Von nun an verging die Zeit wie im Flug.

Das Wetter war super, Feburar und März gab es fast keinen Regen (zumindest hab ich es so in Erinnerung) und angenehm warme Spätsommertemperaturen. Ich habe viele Wochenendausflüge gemacht, Zeit mit der Familie und mit Lily auf dem Spielplatz verbracht und den Sommer in vollen Zügen genossen.

Die Befürchtung, dass ich nicht mehr alles schaffe, was ich gerne machen will war unbegründet und ich habe das allermeiste abgehakt. Ende April war ich das letzte Mal übers Wochenende weg. Und eigentlich sollte man meinen, die Zeit würde wieder langsamer vergehen, da es Winter wird. Doch das Gegenteil war der Fall. Auf einmal kam Alice, meine Nachfolgerin als Au Pair aus Frankreich und meine Au Pair Zeit war fast vorbei. Es war seltsam, jemand neues in der Familie zu sehen. Und wie viele andere Au Pairs, die abgelöst werden, wurde ich etwas eifersüchtig, als Lily auf einmal mit Alice spielen wollte und ich für sie langweilig war. An einem Mittwochabend hat meine Gastmutter ein Abschiedsdinner für mich vorbereitet und ich konnte den letzten Abend in vollen Zügen genießen. Donnerstagmorgen hieß es dann Tschüss - meine Reise durch die bis dahin noch nicht gesehenen Teile Neuseelands begann.

Drei Wochen und viele Erlebnisse später durfte ich noch einmal eine Nacht bei meiner Gastfamilie übernachten und sie haben mich schließlich zum Flughafen gefahren. Der Abschied war sehr tränenreich und mir wurde erst im Flugzeug wirklich klar, dass ich meine Gastfamilie wohl das letzte Mal für eine sehr lange Zeit gesehen hab. Wer weiß, vielleicht für immer. Erstmal überwog der Abschiedsschmerz, viel länger als auf dem Hinflug. Meine Gastfamilie war am Ende nicht mehr nur meine Gastfamilie sondern meine "kiwi family", wie sie es gerne genannt haben. Und ich werde immer willkommen sein in meinem "kiwi home". Ja, Auckland fühlt sich nach einem Jahr an, wie ein Zuhause. Und nun musste ich nach 11 Monaten Neuseeland verlassen.

Allerdings habe ich mich nicht direkt auf den Heimweg gemacht. Etwa 10 Tage lang habe ich in Australien gestoppt, bevor es ganz zurück nach Deutschland ging. Diese "Übergangszeit" zwischen meiner Zeit in NZ und der Heimkehr nach Deutschland war gut, um auf andere Gedanken zu kommen und diese zu ordnen. 

Jetzt, da ich im deutschen Sommer im Garten liege und diesen Bericht schreibe, kommt es mir so vor, als sei das letzte Jahr viel zu schnell vergangen. Manchmal wirkt es sogar unwirklich, wenn hier alles wieder so ist, wie es immer war. Aber in anderen Momenten denke ich lange an Neuseeland und vermisse das Leben dort und vor allem meine Gastfamilie. Die Warmherzigkeit und Gastfreundschaft, die mir entgegen gebracht wurde, berührt mein Herz und hat dazu geführt, dass ich mich in diese Familie und das Land verliebt habe. Ein Zuhause ist da, wo man sich wohlfühlt, willkommen ist, geliebt wird und das selbe zurück gibt. Jeder Mensch kann mehr als ein Zuhause haben.

Wie lange dieses Gefühl anhalten wird, lässt sich schlecht voraussagen, doch ich glaube, dass es Menschen verbindet und verändert, wenn man eine Zeit lang mit unterschiedlichen Kulturen zusammen lebt.

Also an alle jungen Mädels (und Jungs), die das lesen: traut euch, packt eure Koffer und reist ans andere Ende der Welt! Es lohnt sich auf alle Fälle und niemand kann euch die Erfahrungen, die ihr machen werdet, wieder nehmen!