Chappaqua: Claudia Sauer

Vor genau einem Jahr stand ich am Flughafen, schleppte meine Koffer zum checkin und verabschiedete mich für eine lange Zeit von meiner Familie. Im Gegensatz zu all den Gruselstories über diese Augenblicke fühlte ich mich fast wohl. Ich wusste, dass auf mich das größte Abenteuer meines Lebens warten würde!

Ich liess all meine Sorgen zurück, nahm nichts mit aus Deutschland, was mich vorher ständig beschäftigt hatte. Und ich startete neu! Amerika war mein grosser Traum gewesen! Ich hatte es geschafft ...

Nach einer Woche New York zog ich nur winzige 30 Meilen nördlich. Erst war ich nur wenig beeindruckt. „Hier sieht ja alles so aus wie daheim!“ waren meine Worte. Aber das sollte sich bald ändern!

Mein neues Zuhause war ein kleines Häuschen mitten im Wald von Nordamerika. Ich wurde allen vorgestellt und bekam meinen Platz in der Familie.

In meinen Anfangswochen erlebte ich überdurchschnittlich viel. Ich wollte nicht einmal schlafen gehen, aus Angst, etwas zu verpassen. Es war eine sehr gute Zeit! Ich lernte schnell Freunde aus der Nachbarschaft kennen und meine Kinder machten es mir leicht, mich einleben zu können. Die Fremde hat mich fasziniert, aber auch erschrocken. Man weiss gar nicht, wer man ist. Das gibt einem wiederum die Möglichkeit, sich selbst zu beweisen und seinen Charakter ins positive zu prägen.

Ich bin noch nie so viel herumgereist! Meine Familie nahm mich mit in ihren Urlaub nach Florida und mit Freunden kam ich von Chicago über New Orleans bis an die Westküste. Und New York lag schliesslich direkt vor der Haustür, deshalb erlebte ich meine Wochenenden grösstenteils in der Stadt, die niemals schläft. Ich liebte es, mit NY vertraut zu werden, meine eigenen Lieblingsplätze zu haben und ein Teil davon zu sein.

Die Arbeit machte mir auch von Tag zu Tag mehr Spass. Meine Kinder, Reid und Rebecca, öffneten sich mir gegenüber und wir machten allerhand Blödsinn zusammen. Ein Tag sah für uns so aus: früh aufstehen und mit daddy und meiner „Schwester“ frühstücken. Es gab leckere Pancakes (keine Angst, man gewöhnt sich sehr schnell an amerikanisches Essen!). Dann lief ich mit meiner Kleinen zum Bus und hatte bis Nachmittags frei. Natürlich geht man erst einmal zu ’Starbucks’ einen Kaffee trinken. Dort trifft man sich mit seinen Freunden und unternimmt etwas zusammen, wie z.B. shoppen (das können aupairs ausgezeichnet!!), Frisbee spielen, Essen gehen ... man kommt immer auf spontane Ideen, wenn man offen dafür ist! Nach dem Mittagessen kam Reid nach Hause und stürzte sich mehr oder weniger freiwillig in seine Hausaufgaben. Becky dagegen wollte nach dem Unterricht vorerst nichts von Schule wissen, sie brauchte eine kreative Pause. Mein Job war es, die kids zu ihren Sportaktivitäten und Extraunterricht zu fahren und die restliche Zeit bis zum Abend mit Spielen und kleinen Abenteuern zu füllen. Die Eltern kamen gegen 7 Uhr heim und dann stand meistens schon mein „leckeres“ Essen auf dem Tisch. Alle aßen gemeinsam, erzählten über den Tag und vergaßen alles um sie herum.

Die Wochenenden war ich grösstenteils nicht in meinem kleinen Chappaqua zu sehen. Es war immer was los. Eine Feier bei der Freundin oder einen Tag im Erlebnispark ... der Phantasie werden keine Grenzen gesetzt!

Ich habe Amerika kennen und lieben gelernt. Wieder in Deutschland zu sein tut weh. Man vermisst die Menschen, die einem dieses Jahr so angenehm gemacht haben. Und mir fehlt New York ganz besonders. Aber jeder aus meiner amerikanischen Familie hat einen Platz in meinem Herzen. Ich bin erstaunt, wie sich die Beziehung zu einst Fremden so verändert hat! Dieser Prozess ist meiner Meinung nach das größte Geschenk an einem aupair-Jahr!